Ultraschneller Magnetismus

Ultraschneller Magnetismus



Physik-News vom 15.10.2021

Magnetische Festkörper können mit einem Laserpuls entmagnetisiert werden. Nach diesem Prinzip funktionieren HAMR-Speicher, die bereits auf dem Markt sind. Die mikroskopischen Mechanismen der ultraschnellen Entmagnetisierung sind allerdings noch nicht vollständig geklärt. Ein Forschungsteam hat an BESSY II eine Methode entwickelt, um einen dieser mikroskopischen Mechanismen quantitativ zu erfassen. Damit konnten sie nun das Element Gadolinium untersuchen, dessen magnetische Eigenschaften durch Elektronen sowohl auf der 4f- als auch auf der 5d-Schale verursacht werden. Das Verständnis dieser Mechanismen ist für die Entwicklung ultraschneller Datenspeicher nützlich.

Neue Materialien sollen Informationsverarbeitung effizienter machen, zum Beispiel durch ultraschnelle spintronische Bauelemente, die Daten mit weniger Energieaufwand speichern. Bislang sind die mikroskopischen Mechanismen der ultraschnellen Entmagnetisierung jedoch noch nicht vollständig verstanden. Um den Prozess der Entmagnetisierung zu untersuchen, schickt man normalerweise einen ultrakurzen Laserpuls auf die Probe, erhitzt sie dadurch plötzlich, und analysiert dann, wie sich das System in den nächsten Pikosekunden entwickelt.

Publikation:


Régis Decker, Artur Born, Kari Ruotsalainen, Karl Bauer, Robert Haverkamp, Robby Büchner, Annette Pietzsch, and Alexander Föhlisch
Spin-lattice angular momentum transfer of localized and valence electrons in the demagnetization transient state of gadolinium
Applied Physics Letters (2021)

DOI: 10.1063/5.0063404

„Unser Ansatz ist anders", erklärt Dr. Régis Decker, Erstautor der neuen Studie. „Wir halten die Probe während der spektroskopischen Messungen auf einer festen Temperatur. Diese Messungen machen wir über einen weiten Temperaturbereich, von -120°C bis 450°C für Gadolinium - und bis zu 1000°C bei den früheren Experimenten mit Nickel und der Eisen-Nickel-Legierung“. Dadurch ist es möglich, bei jeder einzelnen Temperatur die Auswirkungen der Gitterschwingungen (Phononen) auf die ultraschnelle Entmagnetisierung zu quantifizieren. „Indem wir die Probe auf einer konstanten Temperatur halten, machen wir einen Schnappschuss der Gitterschwingungen nach dem kurzen Laserpuls.“

Das Element Gadolinium besitzt 4f- und 5d-Elektronenorbitale, die beide zu seinen ferromagnetischen Eigenschaften beitragen. Je höher die Temperatur, desto mehr schwingt das kristalline Gitter – in der Physik sagt man: die Anzahl der Phononen steigt - und desto wahrscheinlicher sind Spin-Flips durch Streuung von Elektronen an Phononen.

Mit einem Glühfaden wird die Probe während der Messung auf konstante Temperatur geheizt.

Mit der Methode der inelastischen Röntgenstreuung (RIXS) konnten die Physikerinnen und Physiker nicht nur die Anzahl der Phononen bei einer bestimmten Temperatur bestimmen, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen Phononen und 4f- und 5d-Elektronen unterscheiden. Dafür konnten sie auf die strengen röntgenspektroskopischen Symmetrieauswahlregeln zurückgreifen.

Die Daten zeigen, dass es zwischen den lokalisierten 4f-Elektronen und Phononen kaum Wechselwirkung gibt, während die 5d-Elektronen stark an den Phononen gestreut werden, so dass ein Spin-Flip nur dort stattfindet. „Die Elektron-Phononen-Streuung gilt als einer der Hauptauslöser der ultraschnellen Entmagnetisierung. Wir zeigen hier, dass beim Element Gadolinium nur die 5d-Elektronen daran beteiligt sind“, sagt Decker. Interessanterweise weisen die Messergebnisse auch auf eine Temperaturschwelle hin, die vom Material abhängt und unterhalb derer dieser Mechanismus nicht auftritt. „Dies deutet auf die Existenz eines anderen mikroskopischen Mechanismus bei niedrigeren Temperaturen hin, wie es die Theorie vorhersagt", erklärt Decker.



Diese Newsmeldung wurde mit Material des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materialien und Energie GmbH via Informationsdienst Wissenschaft erstellt.


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