Multipolentwicklung

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Als Multipolentwicklung versteht man die Reihenentwicklung eines Potentials, bei der verschiedene Multipol-Momente auftreten. Man unterscheidet zwischen kartesischer und sphärischer Multipolentwicklung. Multipolentwicklungen spielen insbesondere in der Elektrostatik und der Magnetostatik eine große Rolle, können aber auch auf andere Felder – z. B. bei der Inversion des Schwerefeldes – angewandt werden.

Kartesische Multipolentwicklung

Bei der kartesischen Multipolentwicklung wird 1/|𝐫𝐫| in eine Taylorreihe von 𝐫 um 𝐫=𝟎 entwickelt. Die Multipolentwicklung trennt bei den einzelnen Summanden der Entwicklung den Ort 𝐫 und die von der Ladungsverteilung ρ(𝐫) abhängigen Größen (Momente) voneinander.

1|𝐫𝐫|=n=01n!(𝐫𝐫¯)n1|𝐫𝐫¯||𝐫¯=0

Dabei bedeutet 𝐫¯, dass der Nablaoperator nur auf 𝐫¯ und nicht auf 𝐫 wirkt. Nach Bilden der Ableitung 𝐫¯n(1/|𝐫𝐫¯|) wird diese an der Stelle 𝐫¯=0 ausgewertet. Die Taylorentwicklung lässt sich umformen mittels Substitution 𝐮=𝐫𝐫¯ und damit 𝐮=𝐫¯:

𝐫¯n1|𝐫𝐫¯||𝐫¯=0=(𝐮)n1|𝐮||𝐮=𝐫=(𝐫)n1|𝐫|=()n1r

Somit vereinfacht sich die Entwicklung zu:

1|𝐫𝐫|=n=01n!(𝐫)n1r=1r𝐫1r+12𝐫1r𝐫+O(r'3)

In Komponentenschreibweise lauten die ersten Glieder der Entwicklung (es wird Summenkonvention verwendet):

1|𝐫𝐫|=1(xkxk)(xkxk)=1xkxkxixi1xkxk+12xixj2xixj1xkxk+O(xi3)

Bei der zugrundeliegenden Taylorentwicklung muss beim Summanden n-ter Ordnung ein Tensor n-ter Stufe, nämlich n(1/r), berechnet werden. Hierbei ist in erster Ordnung

xi1xkxk=122xixkxk3=xixkxk3=xir3
1r=𝐫r3

und in zweiter Ordnung

2xixj1xkxk=xi(1xkxk3xj)=(32)2xixkxk5xjδijxkxk3=3xixjxlxlδijxkxk5=3xixjxlxlδijr5
1r=𝐫r3=(𝐫1r3+1r3𝐫)=(3𝐫r5)𝐫1r3E=3𝐫𝐫r5r2r5E,

wobei E die Einheitsmatrix und 𝐫𝐫 ein dyadisches Produkt ist.

Damit lassen sich die ersten drei Glieder der Entwicklung schreiben als

1r+xixir3+12xixj3xixjxlxlδijr5=1r+xir3xi+12xixjr5(3xixjxlxlδij)
1r+𝐫r3𝐫+12𝐫(3𝐫𝐫r5r2r5E)𝐫=1r+𝐫r3𝐫+12𝐫𝐫r5:(3𝐫𝐫r'2E),

wobei : ein doppeltes inneres Produkt bezeichnet. Zudem wurde xixjxlxlδij=xixixlxl=xlxlxixi=xlxlxixjδij=r2xixjδij verwendet.

Einsetzen liefert das Potential (hier das elektrische Potential), wo die Momente direkt abgelesen werden können.

Φ(𝐫)=14πε0[1rρ(𝐫)d3rMonopol-+xir3xiρ(𝐫)d3rDipol-+12xixjr5(3xixjr'2δij)ρ(𝐫)d3rQuadrupolmoment+]=14πε0[1rρ(𝐫)d3r+𝐫r3𝐫ρ(𝐫)d3r+12𝐫𝐫r5(3𝐫𝐫r'2E)ρ(𝐫)d3r+]

Elektrostatik

Das Elektrostatische Potential lässt sich mit der Ladungsverteilung ρ(r) an jedem Ort r über folgende Formel beschreiben:

Φ(𝐫)=14πε0ρ(𝐫)|𝐫𝐫|d3r,

für n einzelne Punktladungen auch durch die Summe der Beiträge der einzelnen Punktladungen:

Φ(𝐫)=14πε0iqi|𝐫𝐫i|,

jeweils mit der elektrischen Feldkonstante ε0.

Anstatt das Potential durch n einzelne Ladungen qi und Koordinaten r zu beschreiben, kann man die Multipolentwicklung durchführen:

Φ(𝐫)=14πε0(Qr+𝐫𝐩r3+12k,lQklrkrlr5+).

Aus mathematischer Sicht ist diese eine Taylorentwicklung des Faktors 1/|𝐫𝐫| um 𝐫=𝟎 nach kartesischen Koordinaten (x,y,z).

Ihre Entwicklungskoeffizienten, die Multipolmomente Q, p und Qkl, lassen sich auch physikalisch deuten:

  • Das Monopolmoment Q=i=1nqi bzw. =ρ(𝐫)d3r für kontinuierliche Ladungsverteilungen
ist ein Skalar und entspricht der Gesamtladung der Ladungsverteilung. Sein Potential
ΦMonopol=14πε0Qr fällt über dem Abstand am schwächsten (linear) ab und ist daher für große Abstände rri dominierend.
  • Das Dipolmoment 𝐩=i=1nqi𝐫i bzw. =ρ(𝐫)𝐫d3r für kontinuierliche Ladungsverteilungen
ist ein Vektor und tritt auf, wenn Ladungsschwerpunkte nicht mit dem Koordinatenursprung zusammenfallen (eindrückliches Beispiel: zwei getrennte Ladungen +q und -q). Das Dipolpotential
ΦDipol=14πε0𝐩𝐫r3 ist schwächer als das Monopolpotential, da es mit dem Abstand quadratisch abfällt.
  • Das Quadrupolmoment Qkl=i=1nqi(3rikril(ri)2δkl) bzw. Qkl=ρ(𝐫)(3r'kr'l(r)2δkl)d3r für kontinuierliche Ladungsverteilungen
ist ein spurfreier symmetrischer Tensor zweiter Stufe (eine Matrix), wobei
  • und höhere Multipolmomente (Oktupolmomente usw.).

Sphärische Multipolentwicklung

Das elektrostatische Potential lautet

Φ(𝐫)=14πε0d3rρ(𝐫)|𝐫𝐫|.

Der Abstand lässt sich mittels Skalarprodukt im Nenner umformen zu:

1|𝐫𝐫|=1𝐫2+𝐫22𝐫𝐫=1r2+r22rrcosα=1r11+(rr)22rrcosα=1r11+x22yx

Es wurden die Abkürzungen x=rr und y=cosα eingeführt. Nun entwickelt man obige Gleichung in eine Taylorreihe um x=0:

1r11+x22yx=1r[1P0(y)+yP1(y)x+(32y212)P2(y)x2+(52y332y)P3(y)x3+]=1rl=0Pl(y)xl

Dabei wurden die Legendre-Polynome Pl(y)=Pl(cosα) benutzt. Diese sind für |x|<1 definiert als die Entwicklungskoeffizienten der Taylorreihe von (1+x22yx)1/2 um x=0:

11+x22yx=l=0Pl(y)xl

Die Entwicklung lautet also:

1|𝐫𝐫|=l=0Pl(cosα)rlrl+1

Da α der Winkel zwischen 𝐫=𝐫(r,θ,φ) und 𝐫=𝐫(r,θ,φ) ist, kann man nun das Additionstheorem der Kugelflächenfunktionen benutzen, welches durch

Pl(cosα)=4π2l+1m=llYlm*(θ,φ)Ylm(θ,φ)

gegeben ist. Eingesetzt ergibt sich für das elektrostatische Potential

Φ(𝐫)=14πε0l=0m=ll4π2l+1Ylm(θ,φ)1rl+1d3r4π2l+1ρ(𝐫)rlYlm*(θ,φ).

Nun wird das sphärische Multipolmoment qlm definiert als

qlm=4π2l+1d3rρ(𝐫)rlYlm*(θ,φ)=4π2l+10dr0πdθ02πdφρ(r,θ,φ)sin(θ)rl+2Ylm*(θ,φ).

Damit ergibt sich für das elektrostatische Potential die sphärische Multipolentwicklung

Φ(𝐫)=14πε0l=04π2l+1m=llYlm(θ,φ)qlmrl+1.

Elektrostatik

Für die nullte und erste Ordnung der sphärischen Multipolmomente der Elektrostatik werden explizit angegeben (px,y,z bezeichnet die Komponenten des Dipolmoments, siehe dafür weiter oben, und Q die Gesamtladung der Ladungsverteilung):

q0,0=4π1d3rρ(𝐫)14π=d3rρ(𝐫)=Q
q1,1=4π3d3rρ(𝐫)r(38π)sinθeiφ=12d3rρ(𝐫)rsinθeiφ=12(pxipy)
q1,0=4π3d3rρ(𝐫)r34πcosθ=d3rρ(𝐫)rcosθ=pz
q1,1=4π3d3rρ(𝐫)r38πsinθeiφ=12d3rρ(𝐫)rsinθeiφ=12(px+ipy)

Umrechnung

Man sieht, dass für das kartesische Monopolmoment gilt:

Q=q0,0 .

Für das kartesische Dipolmoment 𝐩 gilt dann jedoch

pz=q1,0 ,
px=12(q1,+1+q1,1) ,
py=12i(q1,+1+q1,1) .

Magnetostatik

Das Vektorpotential

𝐀(𝐫)=μ04π𝐣(𝐫)|𝐫𝐫|d3r

mit der magnetischen Feldkonstante μ0 hat kein Monopolmoment.

Literatur

  • T. Fließbach: Elektrodynamik. Spektrum Akademischer Verlag, ISBN 3-8274-2021-0.
  • J. D. Jackson: Klassische Elektrodynamik. de Gruyter Verlag, ISBN 3-11-018970-4.