Deviator

Aus cosmos-indirekt.de
Version vom 7. April 2017, 20:46 Uhr von imported>JoKalliauer (man darf nicht die Komponenten des Verzerrungstensors mit geometrisch interpetiebraren Verzerrungen verwechseln.)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Lineare Abbildung eines Vektors v durch einen Tensor 𝐓.

Deviatoren oder deviatorische Tensoren (lateinisch Abweichler) sind in der Kontinuumsmechanik Tensoren zweiter Stufe, deren Spur verschwindet. Tensoren zweiter Stufe werden hier als lineare Abbildungen von geometrischen Vektoren auf geometrische Vektoren benutzt, die im Allgemeinen dabei gedreht und gestreckt werden, siehe Abbildung rechts.

Von besonderer Bedeutung sind die Verzerrungstensoren, die die Dehnung, Stauchung und Scherung von materiellen Linien und Flächen in einem Körper bei einer Deformation beschreiben. Die Verzerrungstensoren besitzen eine "Spur" genannte Kennziffer (Hauptinvariante), die ein Maß für die Volumendehnung am Ort ihres Auftretens ist und zwar in der Art, dass sie verschwindet, wenn keine Volumendehnung vorliegt. Der spurfreie Anteil des Verzerrungstensors, sein Deviator, beschreibt (in der linearisierten Theorie) also den volumenerhaltenden, gestaltändernden Anteil der Deformation eines Körpers.

Ein anderes Anwendungsgebiet von Deviatoren liegt in der Plastizitätstheorie. Bei vielen Metallen beobachtet man, dass sie unter allseitigem, hydrostatischem Druck nicht plastisch fließen oder, anders ausgedrückt, das plastische Fließen nur von den vom hydrostatischen Anteil befreiten Spannungen getrieben wird. Der deviatorische Anteil eines Tensors ist gerade der Teil, der übrig bleibt, wenn sein hydrostatischer Anteil abgezogen wird.

Mit Deviatoren kann also das Materialverhalten unter volumenerhaltenden, gestaltändernden Bedingungen modelliert werden.

Definition

Deviatoren sind Tensoren zweiter Stufe 𝐓, deren Spur "Sp" verschwindet:

𝐓:Sp(𝐓)=0.

Der deviatorische Anteil wird mit einem hochgestellten "D" oder "dev" bezeichnet:

dev(𝐓)=𝐓D=𝐓dev:=𝐓Sp(𝐓)Sp(𝐈)𝐈=𝐓Sp(𝐓)3𝐈.

Die Spur des Einheitstensors 𝐈 ist gleich der Dimension des zugrunde gelegten Raumes, hier und im Folgenden gleich drei.

Der Subtrahend

Sp(𝐓)3𝐈=:𝐓K

ist der Kugelanteil des Tensors 𝐓.

Deviatoren und Volumendehnung

Datei:Gedehnterklotz.png
Ein Quader wird geringfügig in x-, y- und z-Richtung gedehnt. Die in den Dehnungen linearen Anteile der Volumenzunahme sind blau, oliv bzw. rot markiert.

Bei der Streckung eines Körpers der Länge L auf die Länge l ist die Dehnung ε als das Längenverhältnis

ε=lLLl=L(1+ε).

definiert. Bei der Verformung eines Quaders der Länge L, Breite B und Höhe H in x-, y- und z-Richtung (und daher Volumen V=LBH) ergeben sich analog Dehnungen εx,εy und εz in x-, y- und z-Richtung, siehe Abbildung rechts. Das Volumen des Quaders nach der Deformation berechnet sich dann aus

v=L(1+εx)B(1+εy)H(1+εz)=LBH+LBHεx+LBHεy+LBHεz+𝒪(ε2)=V(1+εx+εy+εz)+𝒪(ε2)

Das Landau-Symbol 𝒪(ε2) steht für Terme, die mindestens quadratisch in den Dehnungen sind und die bei kleinen Dehnungen vernachlässigt werden können. Die Summe der Dehnungen in x-, y- und z-Richtung ist die Spur Sp des linearisierten Verzerrungstensors

ε=(εxεxyεxzεxyεyεyzεxyεyzεz)Sp(ε)=εx+εy+εz

und deshalb ergibt sich aus v=V(1+Sp(ε)) die Volumendehnung:

vVV=Sp(ε).

Bei großen Verformungen findet sich der Zusammenhang

ln(vV)=Sp(𝐄H)

zwischen dem natürlichen Logarithmus des Volumenverhältnisses und der Spur des Henky Verzerrungstensors.

Wenn die Spuren der Verzerrungstensoren ε oder 𝐄H bei kleinen bzw. großen Verformungen verschwinden, sie deviatorisch sind, liegt also keine Volumendehnung am Ort ihres Auftretens vor. Umgekehrt beschreiben die Deviatoren dieser Verzerrungstensoren den volumenerhaltenden, gestaltändernden Teil der Deformation und können somit für die Modellierung des Materialverhaltens unter diesen Bedingungen eingesetzt werden.

Flächen im Eigenwertraum

Datei:Deviatorflaeche.png
Flächen im Eigenwertraum

Betrachtet werden symmetrische Tensoren zweiter Stufe. Diese haben drei reelle Eigenwerte λ1,2,3 und stellen im Eigenwertraum (der Raum, in dem die Eigenwerte auf den drei Koordinatenachsen aufgetragen werden) einen Punkt dar.

Mit der Gleichung

𝐓D=C

wird mit einem Flächenparameter C eine Fläche in diesem drei-dimensionalen Eigenwertraum definiert, siehe Abbildung rechts. Diese Fläche hat die Form eines (unendlich langen) Zylinders, der Parallel zur hydrostatischen Achse

λ1=λ2=λ3

ausgerichtet ist. Wegen

Sp(𝐓)=λ1+λ2+λ3

liegen alle Deviatoren in der deviatorischen Ebene

λ1+λ2+λ3=0,

deren Normale die hydrostatische Achse ist. Die Normalen 𝐍 an die Fläche 𝐓D=C liegen in Ebenen, die zur deviatorischen Ebene parallel sind, weswegen die Normalen ebenfalls deviatorisch sind. Das berechnet sich auch aus der Ableitung[1]

𝐍=dd𝐓𝐓D=𝐓D𝐓D,

weil die Normalen genau dieser Ableitung entsprechen.

Eine Fläche diesen Typs ist die Fließortfläche in der J2-Plastizitätstheorie[2]

σv:=32σD=k.

Der Flächenparameter k ist die isotrope Verfestigung, σ der (symmetrische) Spannungstensor und σv die von Mises Vergleichsspannung. Im einachsigen Fall σ=σe^1e^1 ist

σv=32σD=|σ|

und k modelliert die Fließspannung.

Die hydrostatische Achse wird vom Einheitstensor und den Kugeltensoren gebildet.

Deviatorische Rate

Eine kleine Deformation, bei der die Rate des linearisierten Verzerrungstensors ε deviatorisch ist, ist volumenerhaltend, weil seine Spur ein Maß für die Kompression am Ort seines Auftretens ist. Dies gilt auch bei großen Deformationen, wenn die kovariante Oldroyd Ableitung des Euler-Almansi Verzerrungstensors

𝐞Δ=12(𝐋+𝐋T)mit𝐋=𝐅˙𝐅1

deviatorisch ist. Diese Deformation ist volumenerhaltend, denn wegen

Sp(𝐞Δ)=Sp(𝐋)=Sp(𝐅˙𝐅1)=𝐅T1:𝐅˙=0det(𝐅)Sp(𝐞Δ)=det(𝐅)𝐅T1:𝐅˙=ddtdet(𝐅)=0

verschwindet die Zeitableitung der Determinante "det" des Deformationsgradienten 𝐅. Die Determinante des Deformationsgradienten ist gleich der Volumendehnung, die in diesem Fall zeitlich konstant ist.

Dies bewirkt in der J2-Plastizität[2], in der die Rate der plastischen Dehnungen deviatorisch ist und die plastischen Dehnungen vom Euler-Almansi-Typ sind, dass die plastischen Dehnungen volumenerhaltend sind, was mit plastischer Inkompressibilität bezeichnet wird.

Invarianten von Deviatoren

Die drei Hauptinvarianten I1,2,3 eines Deviators lauten

I1(𝐓D)=Sp(𝐓D)=0I2(𝐓D)=12[Sp(𝐓D)2Sp(𝐓D𝐓D)]=12Sp(𝐓D𝐓D)I3(𝐓D)=det(𝐓D)=13Sp(𝐓D𝐓D𝐓D).

Der Operator det gibt die Determinante seines Argumentes. Der Betrag oder Frobeniusnorm eines Deviators berechnet sich mit dem Frobenius-Skalarprodukt ":" zu

𝐓D=𝐓D:𝐓D=𝐓:𝐓13Sp(𝐓)2,

woraus

𝐓2=𝐓D2+Sp(𝐓)3𝐈2

folgt. Drei Strecken mit den Längen der Beträge eines Tensors, seines Deviators und seines Kugelanteils bilden also ein rechtwinkliges Dreieck.

Bei einem symmetrischen Tensor 𝐓=𝐓T ist auch dessen Deviator symmetrisch und für dessen Frobeniusnorm ergibt sich:

𝐓D:=𝐓D:𝐓D=2I2(𝐓D).

Wenn der Tensor die Darstellung

𝐓=i,j=13Tije^ie^j

mit Komponenten Tij bezüglich der Standardbasis e^1,2,3 des euklidischen Vektorraums 𝕍3 besitzt, dann berechnen sich

𝐓D=(23T1113T2213T33T12T13T2123T2213T1113T33T23T31T3223T3313T1113T22)I2(𝐓D)=13(T11T22+T11T33+T22T33T112T222T332)T12T21T13T31T23T32det(𝐓D)=127[12T11T22T33+2(T113+T223+T333)3T112(T22+T33)3T222(T11+T33)3T332(T11+T22)]13[(2T11T22T33)T23T32+(2T33T11T22)T12T21+(2T22T11T33)T13T31]+T13T32T21+T12T23T31𝐓D=23(T112+T222+T332T11T22T11T33T22T33)+T122+T212+T132+T312+T232+T322

Siehe auch

Fußnoten

  1. Die Fréchet-Ableitung einer skalaren Funktion f(𝐓) nach einem Tensor 𝐓 ist der Tensor 𝐀 für den - sofern er existiert - gilt:
    𝐀:𝐇=ddsf(𝐓+s𝐇)|s=0=lims0f(𝐓+s𝐇)f(𝐓)s𝐇
    Darin ist s und ":" das Frobenius-Skalarprodukt. Dann wird auch
    f𝐓=𝐀
    geschrieben.
  2. 2,0 2,1 Die zweite Hauptinvariante des Spannungsdeviators wird häufig mit J2 bezeichnet:
    J2:=I2(σD)
    und ist wegen
    𝐓D=2I2(𝐓D)
    ein Maß für den Betrag des Spannungsdeviators.

Literatur

  • H. Altenbach: Kontinuumsmechanik. Springer, 2012, ISBN 978-3-642-24118-5.
  • P. Haupt: Continuum Mechanics and Theory of Materials. Springer, 2000, ISBN 3-540-66114-X.