Rutherford-Streuung: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Rutherford-Streuung''' beschreibt die Streuung von geladenen Partikeln an einem geladenen Streuzentrum. Im Ausgangsversuch wurde die Streuung von [[Alpha-Teilchen]] an [[Gold]]-[[Atomkern]]en untersucht. Die sich daraus ergebenden Teilchenbahnen sind [[Hyperbel (Mathematik)|Hyperbel]]n. Die Verteilung der gestreuten [[Teilchen]] lässt auf die Struktur des Streuzentrums rückschließen. Dies führte zur Erkenntnis, dass die positive Ladung in den [[Atom]]en sich auf einen kleinen Raum im Atomzentrum konzentriert. Bis dahin galt das Modell von [[Joseph John Thomson|J. J. Thomson]], bei dem die positive Ladung des Atoms homogen in einer Kugel verteilt ist ([[thomsonsches Atommodell]]). Beteiligt an diesen Experimenten waren [[Hans Geiger (Physiker)|Hans Geiger]], [[Ernest Marsden]] und [[Ernest Rutherford]]. Bei der Betrachtung der Messergebnisse, die darauf hinweisen, dass die Masse des Atoms in einem kleinen Kern konzentriert ist, soll Rutherford gesagt haben: „Dies ist so unwahrscheinlich, als ob man mit einer Pistole auf einen Wattebausch schießt, und die Kugel zurückprallt.“<ref name="Demtröder2016">{{cite book|author=Wolfgang Demtröder|title=Experimentalphysik 3: Atome, Moleküle und Festkörper|url=https://books.google.com/books?id=tR5kDAAAQBAJ&pg=PA64|date=13. Juni 2016|publisher=Springer Berlin Heidelberg|isbn=978-3-662-49094-5|pages=64}}</ref>
Die '''Rutherford-Streuung''' beschreibt die [[Streuung (Physik)|Streuung]] von geladenen Partikeln an einem geladenen Streuzentrum. Im Ausgangsversuch wurde die Streuung von [[Alpha-Teilchen]] an [[Gold]]-[[Atomkern]]en untersucht. Die sich daraus ergebenden Teilchenbahnen sind [[Hyperbel (Mathematik)|Hyperbel]]n. Die Verteilung der gestreuten [[Teilchen]] lässt auf die Struktur des Streuzentrums rückschließen. Dies führte zur Erkenntnis, dass die positive Ladung in den [[Atom]]en sich auf einen kleinen Raum im Atomzentrum konzentriert. Bis dahin galt das Modell von [[Joseph John Thomson|J. J. Thomson]], bei dem die positive Ladung des Atoms homogen in einer Kugel verteilt ist ([[thomsonsches Atommodell]]). An diesen Experimenten waren unter [[Ernest Rutherford]]s Leitung [[Hans Geiger (Physiker)|Hans Geiger]] und [[Ernest Marsden]] beteiligt. Bei der Betrachtung der Messergebnisse, die darauf hinweisen, dass die Masse des Atoms in einem kleinen Kern konzentriert ist, soll Rutherford gesagt haben: „Dies ist so unwahrscheinlich, als ob man mit einer Pistole auf einen Wattebausch schießt, und die Kugel zurückprallt.“<ref name="Demtröder2016">{{cite book|author=Wolfgang Demtröder|title=Experimentalphysik 3: Atome, Moleküle und Festkörper|url=https://books.google.com/books?id=tR5kDAAAQBAJ&pg=PA64|date=13. Juni 2016|publisher=Springer Berlin Heidelberg|isbn=978-3-662-49094-5|pages=64}}</ref>


== Rutherfordscher Streuversuch (Manchester, 1909–1913) ==
== Rutherfordscher Streuversuch (Manchester, 1909–1913) ==
=== Aufbau und Versuchsdurchführung ===
=== Aufbau und Versuchsdurchführung ===
[[Datei:Rutherford Scattering.svg|miniatur|Versuchsaufbau: 1: Radioaktives Radium, 2: Bleimantel zur Abschirmung, 3: Alpha-Teilchenstrahl, 4: Leuchtschirm bzw. Fotografieschirm 5: Goldfolie 6: Punkt, an dem die Strahlen auf die Folie treffen,
[[Datei:Streuversuch_Rutherford.svg|miniatur|Versuchsaufbau: 1: Radioaktives Radium, 2: Bleimantel zur Abschirmung, 3: Alpha-Teilchenstrahl, 4: Leuchtschirm bzw. Fotografieschirm 5: Goldfolie 6: Punkt, an dem die Strahlen auf die Folie treffen,
7: Teilchenstrahl trifft den Schirm, nur wenige Teilchen werden abgelenkt.]]
7: Teilchenstrahl trifft den Schirm, nur wenige Teilchen werden abgelenkt.]]
In einen [[Blei]]block mit Öffnung zu einer Seite hin wird ein [[Radioaktivität|radioaktiver]] [[Stoff (Chemie)|Stoff]] gelegt, der [[Strahlung]] abgibt: [[Alphastrahlung|Alpha-]], [[Betastrahlung|Beta-]] und [[Gamma-Strahlung]]. Die aus der Öffnung im Bleiblock austretenden Strahlen werden durch ein [[elektrisches Feld]] geleitet um sie voneinander zu trennen. Dadurch werden die negativen [[Elektron]]en (Beta-Strahlen) zum positiven [[Elektrischer Pol|Pol]] und die positiven [[Helium]]-[[Atomkern]]e (Alpha-Strahlen) zum negativen Pol abgelenkt, während die Richtung der ungeladenen [[Photon]]en (Gamma-Strahlen) unverändert bleibt. Die Alpha-Strahlung wird senkrecht auf eine 0,5&nbsp;μm dünne [[Blattgold|Goldfolie]] (ca. 1000 Atome hintereinander) gerichtet. Die aus der Folie austretende Strahlung lässt sich danach mit einem Leuchtschirm oder einem daran befestigten Film sichtbar machen. Gold wurde verwendet, da es sich schon damals mit einfachen mechanischen Mitteln zu sehr dünnen Schichten verarbeiten ließ und eine hohe Atommasse besitzt. Daher stammt auch die Bezeichnung '''Goldfolienexperiment'''.
In einen [[Blei]]block mit Öffnung zu einer Seite hin wird ein [[Radioaktivität|radioaktiver]] [[Stoff (Chemie)|Stoff]] gelegt, der [[Strahlung]] abgibt: [[Alphastrahlung|Alpha-]], [[Betastrahlung|Beta-]] und [[Gamma-Strahlung]]. Die aus der Öffnung im Bleiblock austretenden Strahlen werden durch ein [[elektrisches Feld]] geleitet um sie voneinander zu trennen. Dadurch werden die negativen [[Elektron]]en (Beta-Strahlen) zum positiven [[Elektrischer Pol|Pol]] und die positiven [[Helium]]-[[Atomkern]]e (Alpha-Strahlen) zum negativen Pol abgelenkt, während die Richtung der ungeladenen [[Photon]]en (Gamma-Strahlen) unverändert bleibt. Die Alpha-Strahlung wird senkrecht auf eine nur 0,5&nbsp;μm dicke [[Blattgold|Goldfolie]] (ca. 1000 Atome hintereinander) gerichtet. Die aus der Folie austretende Strahlung lässt sich danach mit einem Leuchtschirm oder einem daran befestigten Film sichtbar machen. Gold wurde verwendet, da es sich schon damals mit einfachen mechanischen Mitteln zu sehr dünnen Schichten verarbeiten ließ und eine hohe Atommasse besitzt. Daher stammt auch die Bezeichnung '''Goldfolienexperiment'''.


=== Beobachtung ===
=== Beobachtung ===
[[Datei:Geiger-Marsden experiment expectation and result (German).svg|miniatur|Linke Hälfte: Versuchsergebnis, wie es nach dem [[Thomsonsches Atommodell|Thomson-Modell]] zu erwarten wäre. Rechte Hälfte: Erhaltenes Ergebnis und Veranschaulichung mit dem [[Rutherfordsches Atommodell|Rutherford-Modell]].]]
[[Datei:Geiger-Marsden experiment expectation and result (German) v1.1.svg|alternativtext=|mini|Linke Hälfte: Versuchsergebnis, wie es nach dem [[Thomsonsches Atommodell|Thomson-Modell]] zu erwarten wäre. Rechte Hälfte: Erhaltenes Ergebnis und Veranschaulichung mit dem [[Rutherfordsches Atommodell|Rutherford-Modell]].]]


* Fast alle Alpha-Teilchen können die Goldfolie ungehindert passieren.
* Fast alle Alpha-Teilchen können die Goldfolie ungehindert passieren.
* Nur bei ca. 1 von 100.000 Alpha-Teilchen wird die Richtung geändert.
* Etwa jedes 100000ste Alpha-Teilchen wird um 90 Grad oder mehr abgelenkt.<ref>{{Literatur |Autor=Eckhard Ignatowitz |Titel=Chemie für Schule und Beruf: ein Lehr- und Lernbuch |Auflage=5 |Verlag=Verl. Europa-Lehrmittel Nourney, Vollmer |Ort=Haan-Gruiten |Datum=2014 |ISBN=978-3-8085-7056-2}}</ref>
* Je größer der Streuwinkel, desto seltener tritt diese Ablenkung auf.
* Je größer der Streuwinkel, desto seltener tritt diese Ablenkung auf.
* Auch Streuwinkel von über 90° treten äußerst selten auf.
* Einige Alpha-Teilchen werden zurückgestreut.
* Einige Alpha-Teilchen werden zurück gestreut.


Für die beobachtete Verteilung hat Rutherford die unten beschriebene Streuformel entwickelt.
Für die beobachtete Verteilung hat Rutherford die unten beschriebene Streuformel entwickelt.


=== Interpretation ===
=== Interpretation ===
Die extrem seltene Ablenkung der Alpha-Teilchen und deren Winkelverteilung lassen sich dadurch verstehen, dass sich in den Atomen nur ein sehr kleines Massezentrum befindet, das positiv geladen ist. Man nennt dieses Massezentrum den Atomkern. Da die meisten Teilchen die Goldfolie ungehindert passieren, muss zwischen den Kernen ein großer Freiraum bestehen. Dieses Ergebnis führte zu dem [[Rutherfordsches Atommodell|rutherfordschen Atommodell]]. Die Elektronen, welche sich in dem relativ zum Kerndurchmesser riesigen leeren Raum ([[Vakuum]]) um den Kern bewegen, schirmen die konzentrierte positive Kern-Ladung ab, sodass das Atom nach außen hin neutral erscheint.
Die extrem seltene Ablenkung der Alpha-Teilchen und deren Winkelverteilung lassen sich dadurch verstehen, dass sich in den Atomen nur ein sehr kleines Massezentrum befindet, das positiv geladen ist. Man nennt dieses Massezentrum den [[Atomkern]]. Da die meisten Teilchen die Goldfolie ungehindert passieren, muss zwischen den Kernen ein großer Freiraum bestehen. Dieses Ergebnis führte zu dem [[Rutherfordsches Atommodell|rutherfordschen Atommodell]]. Die Elektronen, welche sich in dem relativ zum Kerndurchmesser riesigen leeren Raum um den Kern bewegen, schirmen die konzentrierte positive Kern-Ladung ab, sodass das Atom nach außen hin neutral erscheint.


== Rutherfordsche Streuformel ==
== Rutherfordsche Streuformel ==
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| || <math>\hbar c = 197 \,\mathrm{MeV} \cdot \mathrm{fm}</math>
| || <math>\hbar c = 197 \,\mathrm{MeV} \cdot \mathrm{fm}</math>
|}
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Rutherford leitete die rutherfordsche Streuformel aus der klassischen Physik her. Eine vollständige quantenmechanische Behandlung des Problems mit Hilfe der [[Bornsche Näherung|bornschen Näherung]] ergibt, dass die rutherfordsche Streuformel in erster Ordnung korrekt ist und quantenmechanische Effekte nur kleine Korrekturen darstellen. Ein weiteres Problem der rutherfordschen Formel ist der Grenzfall <math>\vartheta=0</math>, für die der differentielle Wirkungsquerschnitt unendlich groß wird. Kleine Winkel entsprechen jedoch einem großen Stoßparameter. Bei sehr großen Stoßparametern schirmen die Atomelektronen den Kern jedoch ab. Die einzige Möglichkeit sehr kleine Winkel bei kleinen Stoßparametern zu haben, ist die Energie der α-Teilchen zu erhöhen. Für sehr hohe Energien kann die Ladungsverteilung des Atomkerns jedoch nicht mehr als punktförmig angenommen werden. Dann geht der [[Formfaktor (Physik)|Formfaktor]] der Ladungsverteilung zusätzlich in die Streuformel ein. Außerdem kann man bei hohen Projektilenergien nicht mehr davon ausgehen, dass die Streuung nur durch [[elektromagnetische Wechselwirkung]] geschieht. Nähern sich beide Kerne bis zu einem Kontaktradius, spielt die [[starke Wechselwirkung]] eine größere Rolle.
Rutherford leitete die rutherfordsche Streuformel aus der klassischen Physik her. Eine vollständige quantenmechanische Behandlung des Problems mit Hilfe der [[Bornsche Näherung|bornschen Näherung]] ergibt, dass die rutherfordsche Streuformel in erster Ordnung korrekt ist und quantenmechanische Effekte nur kleine Korrekturen darstellen. Ein weiteres Problem der rutherfordschen Formel ist der Grenzfall <math>\vartheta=0</math>, für die der differentielle Wirkungsquerschnitt unendlich groß wird. Kleine Winkel entsprechen jedoch einem großen Stoßparameter. Bei sehr großen Stoßparametern schirmen die Atomelektronen den Kern jedoch ab. Die einzige Möglichkeit sehr kleine Winkel bei kleinen Stoßparametern zu haben, ist die Energie der Alpha-Teilchen zu erhöhen. Für sehr hohe Energien kann die Ladungsverteilung des Atomkerns jedoch nicht mehr als punktförmig angenommen werden. Dann geht der [[Formfaktor (Physik)|Formfaktor]] der Ladungsverteilung zusätzlich in die Streuformel ein. Außerdem kann man bei hohen Projektilenergien nicht mehr davon ausgehen, dass die [[Streuung (Physik)|Streuung]] nur durch [[elektromagnetische Wechselwirkung]] geschieht. Nähern sich beide Kerne bis zu einem Kontaktradius, spielt die [[starke Wechselwirkung]] eine größere Rolle.


=== Plausibilitätsbetrachtung der Abhängigkeiten ===
=== Plausibilitätsbetrachtung der Abhängigkeiten ===


Nach den [[Feynman-Diagramm|Feynman-Regeln]] ergibt sich für die Streuung eines Teilchens der Ladung <math>Z_1 e</math> an einem zweiten Teilchen der Ladung <math>Z_2 e</math> für die [[Matrixelement|Wahrscheinlichkeitsamplitude]]
Nach den [[Feynman-Diagramm|Feynman-Regeln]] ergibt sich für die Streuung eines Teilchens der Ladung <math>Z_1 e</math> an einem zweiten Teilchen der Ladung <math>Z_2 e</math> für das [[Matrixelement (Physik)|Matrixelement]]


:<math> M_{fi} \sim (Z_1 e)\cdot(Z_2 e) \;\textrm{,}</math>
:<math> M_{fi} \sim (Z_1 e)\cdot(Z_2 e) \;\textrm{,}</math>
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wobei der [[Propagator]] vernachlässigt wurde. Nach [[Fermis Goldene Regel|Fermis Goldener Regel]] gilt
wobei der [[Propagator]] vernachlässigt wurde. Nach [[Fermis Goldene Regel|Fermis Goldener Regel]] gilt


:<math> \frac{d\sigma}{d\Omega} \sim |M_{fi}|^2 \;\textrm{,}</math>
:<math> \frac{\mathrm{d}\sigma}{\mathrm{d}\Omega} \sim |M_{fi}|^2 \; ,</math>


womit folgt, dass
womit folgt, dass


:<math> \frac{d\sigma}{d\Omega} \sim (Z_1 e)^2\cdot(Z_2 e)^2=(Z_1 Z_2 e^2)^2 \;\textrm{.}</math>
:<math> \frac{\mathrm{d}\sigma}{\mathrm{d}\Omega} \sim (Z_1 e)^2\cdot(Z_2 e)^2=(Z_1 Z_2 e^2)^2.</math>


==Herleitung der Rutherford-Streuformel==
== Herleitung der Rutherford-Streuformel ==


Aufgrund der abstoßenden Wirkung der Coulombkraft <math>F = \frac{{Z_1 Z_2 e^2 }}{{4\pi \varepsilon _0 r^2 }}</math> ergibt sich für die Bahn des Alphateilchens (<math>Z_1=2</math>) eine Hyperbel.
Aufgrund der abstoßenden Wirkung der Coulombkraft <math>F = \frac{{Z_1 Z_2 e^2 }}{{4\pi \varepsilon _0 r^2 }}</math> ergibt sich für die Bahn des Alphateilchens (<math>Z_1=2</math>) eine Hyperbel.
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:<math>E_\mathrm{kin} = e\Phi _c = \frac{Z_1 Z_2 e^2 }{4\pi \varepsilon _0 2a} = \frac{Z_1 Z_2 e^2 }{8\pi \varepsilon _0 a}</math>
:<math>E_\mathrm{kin} = e\Phi _c = \frac{Z_1 Z_2 e^2 }{4\pi \varepsilon _0 2a} = \frac{Z_1 Z_2 e^2 }{8\pi \varepsilon _0 a}</math>


bestimmen, wobei <math>2a</math> der minimale Abstand des Alphateilchens ist, wenn es zentral mit dem Kern stößt. <math>a</math> ist von der kinetischen Energie abhängig und kann auch für Stöße, die nicht zentral sind, übernommen werden.  
bestimmen, wobei sich aufgrund der Hyperbelform der Bahn <math>2a</math> als der minimale Abstand des Alphateilchens ergibt, wenn es zentral mit dem Kern stößt. <math>a</math> ist von der kinetischen Energie abhängig und kann auch für Stöße, die nicht zentral sind, übernommen werden.  
Der Stoßparameter <math>b</math> ist der minimale Abstand des Alphateilchens zum Kern, wenn es auf einer Geraden weiter fliegen würde. Tatsächlich wird das Alphateilchen um den Winkel <math>\vartheta</math> gestreut.  
Der Stoßparameter <math>b</math> ist der minimale Abstand des Alphateilchens zum Kern, wenn es auf einer Geraden weiter fliegen würde. Tatsächlich wird das Alphateilchen um den Winkel <math>\vartheta</math> gestreut.  
Aus der Geometrie der Hyperbel erhält man folgende Gleichungen:  
Aus der Geometrie der Hyperbel erhält man folgende Gleichungen:  


:<math>\tan \left( \alpha \right) = \frac{b}{a} = \tan \left(90^\circ - \frac{\vartheta }{2}\right) = \cot \left( {\frac{\vartheta }{2}} \right)\text{, da }\quad 2\alpha + \vartheta = 180^\circ</math>
:<math>\tan \left( \alpha \right) = \frac{b}{a} = \tan \left(90^\circ - \frac{\vartheta }{2}\right) = \cot \left( {\frac{\vartheta }{2}} \right)</math>,
 
da <math>2\alpha + \vartheta = 180^\circ</math> und damit
und damit
:<math>\cot \frac{\vartheta}{2} = \frac{b}{a} = \frac{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}}{Z_1 Z_2 e^2 } b</math>.
:<math>\cot \frac{\vartheta}{2} = \frac{b}{a} = \frac{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}}{Z_1 Z_2 e^2 } b</math>.


Durch Ableitung der letzten Formel erhält man einen Zusammenhang zwischen der Breite <math>db</math> eines Hohlkegels und der zugehörigen Breite <math>d\vartheta</math> des Ablenkwinkels <math>
Durch Ableitung der letzten Formel erhält man einen Zusammenhang zwischen der Breite <math>\mathrm{d} b</math> eines Hohlzylinders und der zugehörigen Breite <math>\mathrm{d} \vartheta</math> des Ablenkwinkels <math>\vartheta</math>.
\vartheta</math>.


:<math> - \frac{1}{2\sin ^2 \frac{\vartheta }{2}} d\vartheta = \frac{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}}{Z_1 Z_2 e^2 }db</math>
:<math> - \frac{1}{2\sin ^2 \frac{\vartheta }{2}} \mathrm{d} \vartheta = \frac{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}}{Z_1 Z_2 e^2 }\mathrm{d}b</math>


[[Bild:rutherford2.png|mini|300px|Wirkungsquerschnitt beim Durchgang der Alphateilchen durch die Folie]]
[[Bild:Rutherford Folie.svg|mini|300px|Wirkungsquerschnitt beim Durchgang der Alphateilchen durch die Folie]]


Sei <math>z = \frac{n}{V}</math> die Teilchendichte (<math>n</math> Atome pro Volumen <math>V</math>) des Streumaterials und <math>x</math> die Dicke der Folie, so gibt <math>\sigma = \frac{A}{n} = \frac{\frac{V}{x}}{n} = \frac{1}{zx}</math> die durchschnittliche Querschnittsfläche pro Atom an, die das Alphateilchen beim Durchgang durch die Folie erfährt. <math>\sigma</math> nennt man auch den Wirkungsquerschnitt.
Sei <math>z = \frac{n}{V}</math> die Teilchendichte (<math>n</math> Atome pro Volumen <math>V</math>) des Streumaterials und <math>x</math> die Dicke der Folie, so gibt <math>\sigma = \frac{A}{n} = \frac{\frac{V}{x}}{n} = \frac{1}{zx}</math> die durchschnittliche Querschnittsfläche pro Atom an, die das Alphateilchen beim Durchgang durch die Folie erfährt. <math>\sigma</math> nennt man auch den Wirkungsquerschnitt.


Die Wahrscheinlichkeit <math>P(\vartheta )d\vartheta</math> im Ring des Hohlzylinders zu landen ergibt sich dann aus
Die Wahrscheinlichkeit <math>P(\vartheta) \mathrm{d} \vartheta</math> im Ring des Hohlzylinders zu landen ergibt sich dann aus
:<math>P(\vartheta )d\vartheta = \frac{A_b}{\sigma} = \frac{2\pi bdb}{\frac{1}{zx}} = zx2\pi bdb</math>.
:<math>P(\vartheta) \mathrm{d} \vartheta = \frac{A_b}{\sigma} = \frac{2\pi bdb}{\frac{1}{zx}} = zx2\pi b \mathrm{d} b</math>.


[[Bild:rutherford3.png|mini|Streukegel beim Rutherfordversuch]]
[[Bild:Rutherford Streukegel.svg|mini|Streukegel beim Rutherfordversuch]]


Von <math>N</math> Teilchen werden <math>dN'</math> in den Hohlkegel gestreut. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist
Von <math>N</math> Teilchen werden <math>\mathrm{d} N'</math> in den Hohlkegel gestreut. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist
: <math>{P(\vartheta )d\vartheta = \frac{dN'}{N} = zx2\pi bdb = zx2\pi \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}} \cot \frac{\vartheta}{2} \cdot \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}} \cdot \frac{1}{2\sin ^2 \frac{\vartheta }{2}} d\vartheta = zx\frac{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }{64\pi \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 } \cdot \frac{\cos \frac{\vartheta }{2}}{\sin ^3 \frac{\vartheta}{2}}d\vartheta}</math>
: <math>\begin{align}
P(\vartheta ) \vartheta &= \frac{\mathrm{d}N'}{N} = zx2\pi b \mathrm{d} b \\
&= zx2\pi \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}} \cot \frac{\vartheta}{2} \cdot \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon _0 E_\mathrm{kin}} \cdot \frac{1}{2\sin ^2 \frac{\vartheta }{2}} \mathrm{d} \vartheta \\
&= zx\frac{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }{64\pi \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 } \cdot \frac{\cos \frac{\vartheta }{2}}{\sin ^3 \frac{\vartheta}{2}} \mathrm{d} \vartheta
\end{align}</math>


<math>dN</math> gibt die Anzahl der Teilchen in den Raumwinkel <math>d\Omega</math> an.
<math>\mathrm{d}N</math> gibt die Anzahl der Teilchen in den Raumwinkel <math>\mathrm{d} \Omega</math> an.


:<math>d\Omega = 2\pi \sin (\vartheta )d\vartheta = 4\pi \sin \frac{\vartheta}{2} \cos \frac{\vartheta}{2} d\vartheta </math>
:<math>\mathrm{d} \Omega = 2\pi \sin (\vartheta )d\vartheta = 4\pi \sin \frac{\vartheta}{2} \cos \frac{\vartheta}{2} \mathrm{d} \vartheta </math>


Daraus folgt:
Daraus folgt:
:<math>d\vartheta = \frac{1}
:<math>\mathrm{d} \vartheta = \frac{1}{{4\pi \sin \frac{\vartheta }{2}\cos \frac{\vartheta }{2}}} \mathrm{d} \Omega </math>.
{{4\pi \sin \frac{\vartheta }
{2}\cos \frac{\vartheta }
{2}}}d\Omega </math>.


So ergibt sich für die Wahrscheinlichkeit
So ergibt sich für die Wahrscheinlichkeit


:<math>
:<math>\frac{\mathrm{d} N}{N} = zx\frac{{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }}{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2} \cdot \frac{1}{\sin ^4 \frac{\vartheta }{2}} \mathrm{d} \Omega</math>
\frac{{dN}}
{N} = zx\frac{{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }}
{{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 }} \cdot \frac{1}
{{\sin ^4 \frac{\vartheta }
{2}}}d\Omega  
</math>


Dies ist die Rutherford-Streuformel.
Dies ist die Rutherford-Streuformel.
Sie gibt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für ein Teilchen ist, in den Raumwinkel <math>d\Omega</math> gestreut zu werden.
Sie gibt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für ein Teilchen ist, in den Raumwinkel <math>\mathrm{d} \Omega</math> gestreut zu werden.


Oft wird die Streuformel mit Hilfe des differentiellen Wirkungsquerschnitts <math>
Oft wird die Streuformel mit Hilfe des differentiellen Wirkungsquerschnitts <math>
\frac{d\sigma}{d\Omega}</math> angegeben. Er ist ein Maß für die gleiche Wahrscheinlichkeit.
\frac{\mathrm{d} \sigma}{\mathrm{d} \Omega}</math> angegeben. Er ist ein Maß für die gleiche Wahrscheinlichkeit.


Es gilt
Es gilt


:<math>
:<math>\frac{\mathrm{d}N}{N} = \frac{\mathrm{d} \sigma}{\sigma} = z \cdot x \cdot \mathrm{d} \sigma</math>
\frac{dN}{N} = \frac{d\sigma}{\sigma} = z \cdot x \cdot d\sigma  
</math>


und damit
und damit


:<math>
:<math>\frac{\mathrm{d} \sigma}{\mathrm{d} \Omega}  
\frac{{d\sigma }}
= \frac{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4}{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2} \cdot \frac{1}{\sin ^4 \frac{\vartheta}{2}}
{{d\Omega }} = \frac{{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }}
= \left( \frac{Z_1 Z_2 e^2}{4\pi \varepsilon _0 \cdot 4 \cdot E_\mathrm{kin}} \right)^2 \cdot \frac{1}{\sin ^4 \frac{\vartheta }{2}}.</math>
{{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 }} \cdot \frac{1}
{{\sin ^4 \frac{\vartheta }
{2}}} = \left( {\frac{{Z_1 Z_2 e^2 }}
{{4\pi \varepsilon _0 \cdot 4 \cdot E_\mathrm{kin} }}} \right)^2 \cdot \frac{1}
{{\sin ^4 \frac{\vartheta }
{2}}}.
</math>


'''Bemerkungen'''
'''Bemerkungen'''
Zeile 159: Zeile 142:
#:<math>\sigma = \frac{A}{n} = b_\mathrm{max}^2 \cdot \pi</math><br />und
#:<math>\sigma = \frac{A}{n} = b_\mathrm{max}^2 \cdot \pi</math><br />und
#:<math>\tan \frac{\vartheta_\mathrm{min}}{2} = \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon_0 E_\mathrm{kin} \cdot b_\mathrm{max}}</math>.
#:<math>\tan \frac{\vartheta_\mathrm{min}}{2} = \frac{Z_1 Z_2 e^2}{8\pi \varepsilon_0 E_\mathrm{kin} \cdot b_\mathrm{max}}</math>.
# Das Integral über die Wahrscheinlichkeitsverteilung <math>P(\vartheta )d\vartheta</math> ergibt 1
# Das Integral über die Wahrscheinlichkeitsverteilung <math>P(\vartheta )\mathrm{d} \vartheta</math> ergibt 1
#:<math>
#:<math>\int_{\vartheta_\mathrm{min}}^\pi {P(\vartheta )\mathrm{d} \vartheta } = 1</math>
\int\limits_{\vartheta_\mathrm{min}}^\pi {P(\vartheta )d\vartheta } = 1
</math>
# Ähnliches gilt für die Flächenintegrale
# Ähnliches gilt für die Flächenintegrale
#:<math>\int_{\vartheta \geqslant \vartheta_\mathrm{min} } {zx\frac{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }
{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 } \cdot \frac{1}{\sin ^4 \frac{\vartheta }{2}} \mathrm{d} \Omega } = 1</math><br />und
#:<math>
#:<math>
\int\limits_{\vartheta \geqslant \vartheta_\mathrm{min} } {zx\frac{{Z_1 ^2 Z_2 ^2 e^4 }}
\int_{\vartheta \geqslant \vartheta _\mathrm{min} } \left( \frac{Z_1 Z_2 e^2 }
{{256\pi ^2 \varepsilon _0 ^2 E_\mathrm{kin} ^2 }} \cdot \frac{1}
{4\pi \varepsilon _0 \cdot 4 \cdot E_\mathrm{kin}} \right)^2 \cdot \frac{1}
{{\sin ^4 \frac{\vartheta }
{\sin ^4 \frac{\vartheta }{2}} \mathrm{d} \Omega = \sigma </math>
{2}}}d\Omega } = 1
</math><br />und
#:<math>
\int\limits_{\vartheta \geqslant \vartheta _\mathrm{min} } {\left( {\frac{{Z_1 Z_2 e^2 }}
{{4\pi \varepsilon _0 \cdot 4 \cdot E_\mathrm{kin}}}} \right)^2 \cdot \frac{1}
{{\sin ^4 \frac{\vartheta }
{2}}}} d\Omega = \sigma  
</math>


== Siehe auch ==
== Siehe auch ==
*[[Rutherford Backscattering Spectrometry]]
*[[Rutherford Backscattering Spectrometry]]
*[[Atomkern]]
*[[:en:Geiger-Marsden experiments | Geiger–Marsden experiments]] (engl. Wikipedia)


== Literatur ==
== Literatur ==
* E. Rutherford, ''The Scattering of α and β Particles by Matter and the Structure of the Atom'', Philosophical Magazine. Series 6, '''21''' (May 1911) p. 669-688 ([http://www.ffn.ub.es/luisnavarro/nuevo_maletin/Rutherford%20(1911),%20Structure%20atom%20.pdf PDF], Kurzfassung)
* E. Rutherford, ''The Scattering of α and β Particles by Matter and the Structure of the Atom'', Philosophical Magazine. Series 6, '''21''' (May 1911) p. 669–688 ([http://www.ffn.ub.es/luisnavarro/nuevo_maletin/Rutherford%20(1911),%20Structure%20atom%20.pdf PDF], Kurzfassung)
* [[Hans Geiger (Physiker)|H. Geiger]] and [[Ernest Marsden|E. Marsden]], {{Webarchiv | url=http://dbhs.wvusd.k12.ca.us/webdocs/Chem-History/GM-1909.html | wayback=20080424085231 | text=''On a Diffuse Reflection of the α-Particles''}}, Proceedings of the Royal Society '''82A''' (1909), p. 495-500
* [[Hans Geiger (Physiker)|H. Geiger]] and [[Ernest Marsden|E. Marsden]], {{Webarchiv | url=http://dbhs.wvusd.k12.ca.us/webdocs/Chem-History/GM-1909.html | wayback=20080424085231 | text=''On a Diffuse Reflection of the α-Particles''}}, Proceedings of the Royal Society '''82A''' (1909), p. 495–500
* [[Hans Geiger (Physiker)|H. Geiger]] and [[Ernest Marsden|E. Marsden]], [http://www.chemteam.info/Chem-History/GeigerMarsden-1913/GeigerMarsden-1913.html ''LXI. The Laws of Deflexion of a Particles through Large Angles''], Philosophical Magazine '''25''' (1913), p. 604-623
* [[Hans Geiger (Physiker)|H. Geiger]] and [[Ernest Marsden|E. Marsden]], [http://www.chemteam.info/Chem-History/GeigerMarsden-1913/GeigerMarsden-1913.html ''LXI. The Laws of Deflexion of a Particles through Large Angles''], Philosophical Magazine '''25''' (1913), p. 604–623
* Gerthsen, Kneser, Vogel: ''Physik'', 16. Auflage, S. 630–633, Springer-Verlag
* Gerthsen, Kneser, Vogel: ''Physik'', 16. Auflage, S. 630–633, Springer-Verlag
* Bäuerle et alii: "Umwelt Chemie", 1. Auflage 1988, S. 115, Klett-Verlag


== Weblinks ==
== Weblinks ==
{{Commonscat|Geiger-Marsden experiment}}
* [http://lp.uni-goettingen.de/get/text/1527 LP - Rutherfordsches Streuexperiment] (inkl. Skizzen, Fotos, Video und Literaturhinweisen)
* [http://lp.uni-goettingen.de/get/text/1527 LP - Rutherfordsches Streuexperiment] (inkl. Skizzen, Fotos, Video und Literaturhinweisen)
* [http://www.leifiphysik.de/themenbereiche/klassische-atommodelle/rutherford-experiment Rutherfordexperiment] auf Schülerniveau ([[LEIFIphysik]])
* [https://www.leifiphysik.de/atomphysik/atomaufbau/grundwissen/streuversuch-und-atommodell-von-rutherford Rutherfordexperiment] auf Schülerniveau ([[LEIFIphysik]])


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==

Aktuelle Version vom 30. Dezember 2021, 10:08 Uhr

Die Rutherford-Streuung beschreibt die Streuung von geladenen Partikeln an einem geladenen Streuzentrum. Im Ausgangsversuch wurde die Streuung von Alpha-Teilchen an Gold-Atomkernen untersucht. Die sich daraus ergebenden Teilchenbahnen sind Hyperbeln. Die Verteilung der gestreuten Teilchen lässt auf die Struktur des Streuzentrums rückschließen. Dies führte zur Erkenntnis, dass die positive Ladung in den Atomen sich auf einen kleinen Raum im Atomzentrum konzentriert. Bis dahin galt das Modell von J. J. Thomson, bei dem die positive Ladung des Atoms homogen in einer Kugel verteilt ist (thomsonsches Atommodell). An diesen Experimenten waren unter Ernest Rutherfords Leitung Hans Geiger und Ernest Marsden beteiligt. Bei der Betrachtung der Messergebnisse, die darauf hinweisen, dass die Masse des Atoms in einem kleinen Kern konzentriert ist, soll Rutherford gesagt haben: „Dies ist so unwahrscheinlich, als ob man mit einer Pistole auf einen Wattebausch schießt, und die Kugel zurückprallt.“[1]

Rutherfordscher Streuversuch (Manchester, 1909–1913)

Aufbau und Versuchsdurchführung

Datei:Streuversuch Rutherford.svg
Versuchsaufbau: 1: Radioaktives Radium, 2: Bleimantel zur Abschirmung, 3: Alpha-Teilchenstrahl, 4: Leuchtschirm bzw. Fotografieschirm 5: Goldfolie 6: Punkt, an dem die Strahlen auf die Folie treffen, 7: Teilchenstrahl trifft den Schirm, nur wenige Teilchen werden abgelenkt.

In einen Bleiblock mit Öffnung zu einer Seite hin wird ein radioaktiver Stoff gelegt, der Strahlung abgibt: Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung. Die aus der Öffnung im Bleiblock austretenden Strahlen werden durch ein elektrisches Feld geleitet um sie voneinander zu trennen. Dadurch werden die negativen Elektronen (Beta-Strahlen) zum positiven Pol und die positiven Helium-Atomkerne (Alpha-Strahlen) zum negativen Pol abgelenkt, während die Richtung der ungeladenen Photonen (Gamma-Strahlen) unverändert bleibt. Die Alpha-Strahlung wird senkrecht auf eine nur 0,5 μm dicke Goldfolie (ca. 1000 Atome hintereinander) gerichtet. Die aus der Folie austretende Strahlung lässt sich danach mit einem Leuchtschirm oder einem daran befestigten Film sichtbar machen. Gold wurde verwendet, da es sich schon damals mit einfachen mechanischen Mitteln zu sehr dünnen Schichten verarbeiten ließ und eine hohe Atommasse besitzt. Daher stammt auch die Bezeichnung Goldfolienexperiment.

Beobachtung

Datei:Geiger-Marsden experiment expectation and result (German) v1.1.svg
Linke Hälfte: Versuchsergebnis, wie es nach dem Thomson-Modell zu erwarten wäre. Rechte Hälfte: Erhaltenes Ergebnis und Veranschaulichung mit dem Rutherford-Modell.
  • Fast alle Alpha-Teilchen können die Goldfolie ungehindert passieren.
  • Etwa jedes 100000ste Alpha-Teilchen wird um 90 Grad oder mehr abgelenkt.[2]
  • Je größer der Streuwinkel, desto seltener tritt diese Ablenkung auf.
  • Einige Alpha-Teilchen werden zurückgestreut.

Für die beobachtete Verteilung hat Rutherford die unten beschriebene Streuformel entwickelt.

Interpretation

Die extrem seltene Ablenkung der Alpha-Teilchen und deren Winkelverteilung lassen sich dadurch verstehen, dass sich in den Atomen nur ein sehr kleines Massezentrum befindet, das positiv geladen ist. Man nennt dieses Massezentrum den Atomkern. Da die meisten Teilchen die Goldfolie ungehindert passieren, muss zwischen den Kernen ein großer Freiraum bestehen. Dieses Ergebnis führte zu dem rutherfordschen Atommodell. Die Elektronen, welche sich in dem relativ zum Kerndurchmesser riesigen leeren Raum um den Kern bewegen, schirmen die konzentrierte positive Kern-Ladung ab, sodass das Atom nach außen hin neutral erscheint.

Rutherfordsche Streuformel

Die rutherfordsche Streuformel gibt den so genannten differenziellen Streuquerschnitt (auch Wirkungsquerschnitt genannt) in Abhängigkeit vom Streuwinkel ϑ im Schwerpunktsystem an:

dσdΩ=(14πε0Z1Z2e24E0)21sin4(ϑ2)

Die gleiche Formel in kernphysikalisch sinnvollen Einheiten:

dσdΩ[barn]1,3103(Z1Z2E0[MeV])21sin4(ϑ2)

Damit ist die Wahrscheinlichkeit beschrieben, dass gestreute Teilchen nach einer Ablenkung um den Winkel ϑ im Raumwinkel dΩ=2πsin(ϑ)dϑ auftreffen.

In der Formel werden weiterhin folgende Größen benutzt:

Elektrische Feldkonstante (Dielektrizitätskonstante) ε0=8,8541012CVm
Ladung des gestreuten Teilchens Z1e
Ladung des Atomkerns Z2e
Elementarladung e=1,6021019C
Anfangsenergie des gestreuten Teilchens E0

Auf den Vorfaktor kommt man, indem man folgende Größen verwendet:

Feinstrukturkonstante α = 14πε0e2c1/137
Einheit für den Wirkungsquerschnitt 1barn=100fm2
c=197MeVfm

Rutherford leitete die rutherfordsche Streuformel aus der klassischen Physik her. Eine vollständige quantenmechanische Behandlung des Problems mit Hilfe der bornschen Näherung ergibt, dass die rutherfordsche Streuformel in erster Ordnung korrekt ist und quantenmechanische Effekte nur kleine Korrekturen darstellen. Ein weiteres Problem der rutherfordschen Formel ist der Grenzfall ϑ=0, für die der differentielle Wirkungsquerschnitt unendlich groß wird. Kleine Winkel entsprechen jedoch einem großen Stoßparameter. Bei sehr großen Stoßparametern schirmen die Atomelektronen den Kern jedoch ab. Die einzige Möglichkeit sehr kleine Winkel bei kleinen Stoßparametern zu haben, ist die Energie der Alpha-Teilchen zu erhöhen. Für sehr hohe Energien kann die Ladungsverteilung des Atomkerns jedoch nicht mehr als punktförmig angenommen werden. Dann geht der Formfaktor der Ladungsverteilung zusätzlich in die Streuformel ein. Außerdem kann man bei hohen Projektilenergien nicht mehr davon ausgehen, dass die Streuung nur durch elektromagnetische Wechselwirkung geschieht. Nähern sich beide Kerne bis zu einem Kontaktradius, spielt die starke Wechselwirkung eine größere Rolle.

Plausibilitätsbetrachtung der Abhängigkeiten

Nach den Feynman-Regeln ergibt sich für die Streuung eines Teilchens der Ladung Z1e an einem zweiten Teilchen der Ladung Z2e für das Matrixelement

Mfi(Z1e)(Z2e),

wobei der Propagator vernachlässigt wurde. Nach Fermis Goldener Regel gilt

dσdΩ|Mfi|2,

womit folgt, dass

dσdΩ(Z1e)2(Z2e)2=(Z1Z2e2)2.

Herleitung der Rutherford-Streuformel

Aufgrund der abstoßenden Wirkung der Coulombkraft F=Z1Z2e24πε0r2 ergibt sich für die Bahn des Alphateilchens (Z1=2) eine Hyperbel.

Datei:Rutherford-scattering-atom de.svg
Rutherfordstreuung aus atomarer Sicht

Die große Halbachse a der Hyperbel lässt sich aus dem Ansatz

Ekin=eΦc=Z1Z2e24πε02a=Z1Z2e28πε0a

bestimmen, wobei sich aufgrund der Hyperbelform der Bahn 2a als der minimale Abstand des Alphateilchens ergibt, wenn es zentral mit dem Kern stößt. a ist von der kinetischen Energie abhängig und kann auch für Stöße, die nicht zentral sind, übernommen werden. Der Stoßparameter b ist der minimale Abstand des Alphateilchens zum Kern, wenn es auf einer Geraden weiter fliegen würde. Tatsächlich wird das Alphateilchen um den Winkel ϑ gestreut. Aus der Geometrie der Hyperbel erhält man folgende Gleichungen:

tan(α)=ba=tan(90ϑ2)=cot(ϑ2),

da 2α+ϑ=180 und damit

cotϑ2=ba=8πε0EkinZ1Z2e2b.

Durch Ableitung der letzten Formel erhält man einen Zusammenhang zwischen der Breite db eines Hohlzylinders und der zugehörigen Breite dϑ des Ablenkwinkels ϑ.

12sin2ϑ2dϑ=8πε0EkinZ1Z2e2db
Datei:Rutherford Folie.svg
Wirkungsquerschnitt beim Durchgang der Alphateilchen durch die Folie

Sei z=nV die Teilchendichte (n Atome pro Volumen V) des Streumaterials und x die Dicke der Folie, so gibt σ=An=Vxn=1zx die durchschnittliche Querschnittsfläche pro Atom an, die das Alphateilchen beim Durchgang durch die Folie erfährt. σ nennt man auch den Wirkungsquerschnitt.

Die Wahrscheinlichkeit P(ϑ)dϑ im Ring des Hohlzylinders zu landen ergibt sich dann aus

P(ϑ)dϑ=Abσ=2πbdb1zx=zx2πbdb.
Datei:Rutherford Streukegel.svg
Streukegel beim Rutherfordversuch

Von N Teilchen werden dN in den Hohlkegel gestreut. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist

P(ϑ)ϑ=dNN=zx2πbdb=zx2πZ1Z2e28πε0Ekincotϑ2Z1Z2e28πε0Ekin12sin2ϑ2dϑ=zxZ12Z22e464πε02Ekin2cosϑ2sin3ϑ2dϑ

dN gibt die Anzahl der Teilchen in den Raumwinkel dΩ an.

dΩ=2πsin(ϑ)dϑ=4πsinϑ2cosϑ2dϑ

Daraus folgt:

dϑ=14πsinϑ2cosϑ2dΩ.

So ergibt sich für die Wahrscheinlichkeit

dNN=zxZ12Z22e4256π2ε02Ekin21sin4ϑ2dΩ

Dies ist die Rutherford-Streuformel. Sie gibt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für ein Teilchen ist, in den Raumwinkel dΩ gestreut zu werden.

Oft wird die Streuformel mit Hilfe des differentiellen Wirkungsquerschnitts dσdΩ angegeben. Er ist ein Maß für die gleiche Wahrscheinlichkeit.

Es gilt

dNN=dσσ=zxdσ

und damit

dσdΩ=Z12Z22e4256π2ε02Ekin21sin4ϑ2=(Z1Z2e24πε04Ekin)21sin4ϑ2.

Bemerkungen

  1. ϑ=0 ist nicht definiert, da es einen minimalen Ablenkwinkel ϑmin gibt. Dieser wird angenommen, wenn sich das Alphateilchen im Abstand b=bmax vom Atom, also am Rand der kreisförmigen Wirkungsquerschnittsfläche bewegt. Für einen größeren Stoßparameter b befindet sich das Alphateilchen im Streufeld des Nachbaratoms und der Ablenkwinkel nimmt wieder zu.
    Dabei gilt:
    σ=An=bmax2π
    und
    tanϑmin2=Z1Z2e28πε0Ekinbmax.
  2. Das Integral über die Wahrscheinlichkeitsverteilung P(ϑ)dϑ ergibt 1
    ϑminπP(ϑ)dϑ=1
  3. Ähnliches gilt für die Flächenintegrale
    ϑϑminzxZ12Z22e4256π2ε02Ekin21sin4ϑ2dΩ=1
    und
    ϑϑmin(Z1Z2e24πε04Ekin)21sin4ϑ2dΩ=σ

Siehe auch

Literatur

Commons: Geiger-Marsden experiment – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Demtröder: Experimentalphysik 3: Atome, Moleküle und Festkörper.. Springer Berlin Heidelberg, 13. Juni 2016, ISBN 978-3-662-49094-5, S. 64.
  2. Eckhard Ignatowitz: Chemie für Schule und Beruf: ein Lehr- und Lernbuch. 5. Auflage. Verl. Europa-Lehrmittel Nourney, Vollmer, Haan-Gruiten 2014, ISBN 978-3-8085-7056-2.